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30.01.2009: Offener Brief der Fleischerlobby

 

Nachdem der Chef des Umweltbundesamtes, Prof. Andreas Troge, in der Volksstimme vom 23.01.2009 zu Einschränkungen beim Fleischverzehr aufgerufen hatte, konnten die verwunderten Leser/innen einige Tage später den folgenden "Offenen Brief" in der Tageszeitung lesen:

 

"Mit Erstaunen und Empörung haben wir Mitglieder des organisierten Fleischerhandwerks die Meldung zur Kenntnis genommen. Empörung deswegen, weil als erstes dem Verbraucher suggeriert wird: Esst kein oder weniger Fleisch! Diese, an Pauschalität strotzende Feststellung, soll dem Verbraucher vermitteln, durch Fleischverzehr und die Produktion von Fleisch- und Wurstwaren würde die Umwelt erheblich geschädigt. Nicht der Verzehr und die Fleisch- und Wurstwarenproduktion belasten die Umwelt, sondern nichtartgerechte Haltung  der Tiere in überdimensionierten Anlagen sowie deren hohes Transportaufkommen durch Futter, Gülle und letztlich der Tiere selbst. Das Fleischerhandwerk und die fleischverarbeitenden Mittelstandsbetriebe kämpfen seit Jahren schon für qualitätsvolle Ernährung, für die Werterhaltung unseres Rohstoffes Fleisch und gegen Massenproduktion und Verramschung. Es ist richtig: Der Sonntagsbraten und die Wurststulle sollen immer ein Genuss in hoher Qualität in unserer Ernährung sein."

 

Quelle: Volksstimme vom 30.01.2009

 

 

Anm.: Wird Ihnen auch so übel, wenn Sie schöne Umschreibungen wie der "Werterhaltung unseres Rohstoffes Fleisch" lesen müssen? Hier einmal ein gut gemeinter Hinweis an die Fleischerlobbyisten:

 

Es wäre ratsam, wenn Sie langsam zur Kenntnis nehmen, dass immer mehr Menschen entscheiden, sich gesünder zu ernähren. Der Trend zur fleischarmen, wenn nicht gar fleischlosen Ernährung ist nicht aufzuhalten. Dabei ist es unwesentlich, ob dies aus ethischen Gründen geschieht, aus Angst vor Schweinepest, Rinderwahn und Gammelfleisch oder einfach nur, weil es einem nicht schmeckt. Wichtig ist das Ergebnis: Jedes Stück Fleisch, das weniger auf den Tellern der Nation landet, sorgt langfristig für eine Verringerung der Tierqual und für eine bessere Gesundheit unserer Mitmenschen. Daher sollten weder für den Ausbau zum Mega-Schlachthof in Weißenfels noch für niederländische Schweinemäster Fördergelder vergeudet werden. Die Ess- und Lebensgewohnheiten der Menschen ändern sich nun einmal. Die Aufklärung über die Qualen, mit denen so viele Tiere für das zweifelhafte kurze Vergnügen, ein Steak so billig wie möglich auf dem Teller liegen zu haben - oft noch möglichst "blutig" - nimmt zu und immer weniger Verbraucher sind bereit, diesen Wahnsinn mit zu verantworten.  

 

Die Welt wird nicht zusammenbrechen, weil ein paar Verbraucher/innen mehr vom Fleischkonsum ablassen. Von einer Gesellschaft, in der kein Lebewesen mehr "zum Fressen gern" gehabt wird, sind wir leider eh noch weit entfernt.

 

Die Berufswelt befindet sich permanent im Wandel. Wo waren vor 150 Jahren TV-Moderatoren, Autohändler, Kfz-Mechaniker und Piloten zu finden? Wer hat vor 50 Jahren Windkrafträder hergestellt? Oder Handys? Wo gab es vor 30 Jahren Informatiker, Webdesigner oder Mitarbeiter in sog. Call-Centern? Dagegen können sich viele ältere Menschen erinnern, dass in Kaufhäusern und Hotels Angestellte den Fahrstuhl bedienten, Tankwarte einem noch das Benzin einfüllten, Straßenbahnschaffner morgens auf dem Weg zur Arbeit mit den Stammkunden plauderten und Verkäuferinnen noch das Gemüse abwogen...

 

Was ist aus den Putzkolonnen aus DDR-Betrieben, den Pionierleitern, was ist aus unseren Pförtnern geworden? Irgendwie müssen wir doch alle lernen, die Zeichen der Zeit zu erkennen und bei Bedarf auch mal umzudenken und umzulernen. Was soll also das Geschrei einer Berufsgruppe, die von der Verarbeitung und dem Verkauf toter Geschöpfe lebt; ein Geschrei - so laut, das man meint, ihr Hungertod sei nah, nur weil einmal ein Politiker außerhalb unserer Partei ein wenig Maßhalten anregt?   

 

Da das Fleischerhandwerk ohnehin bislang kaum vor Massenentlassungen zittern muss, nur weil nun auch der eine oder andere Politiker in den etablierten Parteien aufwacht und - keinesfalls aus Tierschutzgründen - die Einschränkung des Fleischkonsums anregt, kann man nur sagen: Kopf hoch, liebe Fleischersleute, so arm dran seid Ihr noch nicht!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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