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21.05.2010: Rinderjagd auf Weide bei Lüffingen

 

 

Landkreis nimmt Landwirt Eckard Berck rund 90 Tiere weg

Vorwurf: Verstoß gegen Tierschutzgesetz

Bulle verletzt Jäger

 

Ein Artikel von Jörg Marten

 

 

Der Landkreis hat am Mittwoch und gestern etwa 90 Rinder und Schafe eines Bauern aus Hemstedt abtransportieren lassen. Dem Bauern wirft der Landkreis massive Verstöße gegen das Tierschutzgesetz vor und untersagte ihm das Halten von Tieren jeglicher Art. Der Landwirt weist die Vorwürfe zurück und sieht nun seine Existenz vernichtet. Beim Einfangen der Rinder wurde ein Jäger durch einen Bullen verletzt. Vier Tiere wurden erschossen, eines eingeschläfert.

Hemstedt. Annelies Berck spricht von Enteignung. Schon wieder eine. 1948 sei der Großvater ihres Mannes enteignet worden, 1961 noch mal im Zuge der Zwangskollektivierung. Und nun dies: Alle Tiere weg, aufgeladen, erschossen. "Wie Kriminelle haben die uns behandelt", erzählt Berck, die in Hemstedt seit fast 20 Jahren die Gaststätte betreibt. Eine Frau, die mitten im Leben steht – doch das, was in den vergangenen drei Tagen passiert ist, hat ihr die Fassung geraubt.

Am Dienstag, zur Mittagszeit, standen auf einmal Polizisten auf dem Hof, den ihr Mann Eckard betreibt, und fragten nach ihrem Mann. Was die Beamten dabei hatten, war das Aus für den Tierhalter Eckard Berck: Der Landkreis ordnete an, dass ihm künftig das Halten von Tieren jeglicher Art untersagt wird und dass alle Tiere, die er halte oder betreue, "weggenommen und verwertet beziehungsweise veräußert" würden. Der Grund wird in dem achtseitigen, vom Landkreisdezernenten Erhard Prehm unterzeichneten Schreiben auch genannt: wiederholte schwere Verstöße gegen das Tierschutzgesetz.

Eckard Berck wehrt sich, sagt, dann könne er sich ja gleich umbringen. Die Beamten reagieren sofort, alarmieren den Amtsarzt, ziehen sofort die Waffen des Jägers ein. Der Amtsarzt kommt und weist den Landwirt zur Unterbringung ins Landeskrankenhaus Uchtspringe ein. Vorher darf er noch duschen – die Polizei wartet im Flur. Seine Frau Annelies packt seine Sachen zusammen: "Die Polizei war immer dabei. Als wenn wir Schwerverbrecher sind."

Ihr Mann ist weg, und Amtstierarzt Dr. Frieder Oßwald, so erinnert sich Annelies Berck, stellt sie vor die Alternative, die Begleitpapiere für die Rinder der Mutterkuhherden herauszugeben und so wenigstens noch Geld aus der Schlachtung der Tiere zu erhalten – oder die Tiere würden auf ihre Kosten getötet. Zusätzliches Problem: etliche Tiere haben keine Ohrmarke, die laut EU-Recht zwingend vorgeschrieben ist. Die Gastwirtin erbittet zehn Minuten Bedenkzeit, schreibt einen Widerspruch gegen den sofortigen Vollzug der Maßnahme – doch der habe keine aufschiebende Wirkung, erklärt ihr der Amtstierarzt. Annelies Berck gibt alle Papiere heraus und auch die Ohrmarken, die im Haus liegen, aber noch nicht den Kühen in die Ohren gemacht worden sind. Es ist nicht ihr Betrieb, um den es geht, es ist der ihres Mannes.

Mittwochmorgen, ihr Mann ist noch in Uchtspringe, berichtet ihr ein befreundeter Landwirt, dass "die schon parat stehen auf der Weide". "Auf unserem Grund und Boden", schimpft Annelies Berck. Sie fährt hin zur Weide nach Lüffingen, wo etwa 50 Rinder ihres Mannes stehen. Der Amtstierarzt ist da, Mitarbeiter des Veterinäramtes, die Polizei, das kreisliche Ordnungsamt. 30 Mann, schätzt ihr Mann Eckard, der am Mittwoch wenig später an der Weide eintrifft. Und dort für Unruhe sorgt – zunächst bei den Rindern. Denn die rennen in seine Richtung, erzählt er. Das Ergebnis sei ein Platzverweis gewesen, "wegen Behinderung der Amtsausführung". "Ich wollte nach einer Färse gucken, ob die schon gekalbt hat", sagt Eckard Berck. Nach dem Platzverweis sei er nach Hause gefahren. Der Amtsarzt sei erneut vor Ort gewesen. Der Landwirt: "Die haben mir gesagt, wenn ich noch mal eingreife, werde ich verhaftet oder komme in die Psychiatrie." Annelies Berck ist entsetzt: "Das ist unser Eigentum, und man kann nichts entscheiden." Sie schimpft auf "die da oben", die die Großen laufen lassen würden, den Landwirten, die sich abrackern, aber das Leben schwer machen.

Mittwoch um 14 Uhr ist die Straße in Hemstedt komplett gesperrt. Ein Viehtransporter steht dort, Mitarbeiter der vom Landkreis beauftragten Firma mühen sich, die zehn Bullen aus dem Stall aufzuladen, zudem noch die Schafe ("24 Muttertiere und zehn Lämmer"), die auf einem Acker am Hof weiden. Und auch das Wildschwein, das Eckard Berck vor 15 Jahren als Frischling im Wald gefunden hatte, wird mitgenommen. Ein kleinerer Bulle, sagt Eckard Berck, sei im Stall "nicht gleich aufgestanden". Da habe er "die Spritze gekriegt".

Auch die vier Pferde der Familie sollen weg, ab zum Schlachten. "Da bin ich laut geworden", sagt Annelies Berck. Mit Erfolg. Sie übernimmt die Verantwortung für die Tiere. Sie dürfen bleiben.

Das Aufladen der Tiere bei Lüffingen gestaltet sich schwierig, ist auch gestern morgen noch nicht abgeschlossen. Zwei Schüsse habe er gehört, erzählt Eckhard Berck, und als er zur Weide gefahren sei, hätten zwei Bullen dort gelegen – tot. Und außerdem noch zwei Kühe, eine davon eine, die erst vor drei Wochen das erste Mal gekalbt hatte. Berck, dem schwerer Verstoß gegen das Tierschutzgesetz vorgeworfen wird, ist empört: "Und das ist dann Tierschutz!"

Bei der Aktion sei ein Jäger, der die widerspenstigen Tiere erlegen sollte, von einem Bullen verletzt worden, bestätigt gestern der Landkreis. Der Notarztwagen sei vor Ort gewesen. Die Verletzung sei aber nicht lebensgefährlich, so Dezernent Hans Thiele, der am Mittwoch zeitweise selbst vor Ort war. Gestern werden auch die zehn Rinder von einer Weide zwischen Algenstedt und Hemstedt abgeholt, darunter eine tragende Färse – auch dort parkt ein Polizeiwagen neben dem Viehtransporter. Amtstierarzt Dr. Frieder Oßwald ist vor Ort.

Der Abdecker, der die toten Tiere aufgeladen habe, habe ihm gesagt, er habe "schon viel dünnere Tiere gesehen", erzählt Eckard Berck. Das klingt wie eine Rechtfertigung und wie eine Anklage gegen den Landkreis, der ihm die Tiere wegnimmt. Seine Frau sagt: "Die haben alle gut gefressen." Der Landwirt: "Die waren total gesund." Und seine Frau ergänzt: "Da wird EU-Recht durchgesetzt mit Brachialgewalt."

Das sieht der Landkreis, der sich gestern hinsichtlich der Aktion und seiner Umsetzung äußerst bedeckt hielt, ganz anders. Ausführlich listet er in der Anordnung, die der Familie Berck am Dienstag übergeben wurde, den Sachverhalt auf. So überprüften Mitarbeiter des Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes des Landkreises mehrfach den Hof und die Tiere auf der Weide – und stellten bei Nachkontrollen so gut wie keine Veränderung der kritisierten Zustände fest.

Die Kontrolle am 30. September 2009 ergab demnach: Die Rinder auf dem Hof haben keinen Zugang zu Wasser und Futter, die Schweine befinden sich "in einem völlig verdreckten Stall", Futter und Wasser steht ihnen nicht zur Verfügung, zwei Schweine sind stark abgemagert, leiden zudem unter "hochgradigem Räudemilbenbefall". Futter sei nicht vorhanden gewesen, Eckard Berck habe angegeben, "erst welches besorgen zu müssen".

In einem "völlig mit Kot verdreckten Hundezwinger wurde ein Jagdhund vorgefunden, der sich in einem schlechten Ernährungzustand befand und ebenfalls weder Zugang zu Wasser oder Futter hatte".

Am 7. Oktober eine weitere Kontrolle des Veterinäramtes: Wieder kein ausreichendes Wasser und Futter, Hundezwinger noch immer verschmutzt und zu klein, Taubenschlag "völlig mit Kot verschmutzt", Schafe nicht geschoren, Hufe der Pferde in schlechtem Pflegezustand.

Am 13. Oktober verfügte der Landkreis, dass sich die Zustände gründlich ändern müssten. Fristsetzung: 6. November.

Am 1. Dezember die Nachkontrolle: Rinder im Stall ohne Wasser, der Stall selbst "völlig dunkel und verdreckt". Für die Tiere habe es keinen trockenen Liegeplatz gegeben. Schweine waren nicht mehr da, nur noch ein Wildschwein "ohne Zugang zu Wasser und ohne trockenen Liegeplatz". 18 Schafe auf der Weide waren geschoren, hatten aber keinen Zugang zu Wasser. 4 Schafe im Stall hatten "verfilztes, schmutziges, bis auf den Boden hängendes Wollkleid", der Stall selbst "völlig dunkel und verdreckt". Der Hundezwinger war in unverändertem Zustand, der Taubenschlag konnte nicht kontrolliert werden, weil eine Leiter fehlte.

Am 4. Februar eine erneute Nachkontrolle: Die Tiere hätten sich immer noch "in demselben erbärmlichen Zustand" befunden. Der Ernährungszustand der etwa 40 Rinder auf der Weide sei schlecht. Die Wiese war seit Wochen zugeschneit, es herrschte Dauerfrost. Das Amt: "Die Tiere hatten keinen Zugang zum Wasser, da das Wasser im Trog eingefroren war und der Zugang zum Graben aufgrund der Eisdecke nicht möglich war." Als Futter habe den Tieren lediglich ein Rundballen Stroh zur Verfügung gestanden, "dessen Außenschicht gefroren war und von dem nicht einmal das Netz entfernt worden war". Einen trockenen Liegeplatz hatten die Rinder nicht, einen Witterungsschutz gab es nicht.

Eckard Berck versteht die Kritik nicht. Sicher, seine Ställe seien alt und dunkel, und es gebe da kein fließendes Wasser. Dennoch: "Die haben keine schlechte Versorgung gehabt." Es gebe zwar keine Selbsttränke, "aber die kriegen solange Wasser, bis sie nicht mehr wollen". Der Landwirt: "Da kann natürlich nicht immer Futter und Wasser da sein, wenn die Kontrolleure kommen."

Offenbar würden einige nicht verstehen, dass es sich um Freilandherden handele, die auch im Winter draußen bleiben könnten. Das Wildschwein habe nicht schlecht ausgesehen, es sei mit 15 Jahren eben schon alt. Gegen Räude habe er es mal geimpft, "aber das hat nichts geholfen". Und Schafe scheren vor dem Winter sei doch wohl unsinnig. Sicher sei der Stall für seinen Hund zu klein, aber so sei halt vor Jahrzehnten gebaut worden. Der Hund bekomme ja auch Auslauf auf dem Hof. Zum Umbau fehle das Geld. Und dass mal ein Haufen im Stall liege, sei doch normal.

Und auch ein Fangstand, der nötig sei, um die freilaufenden Rinder einzufangen und gefahrlos mit Ohrmarken versehen zu können, koste Geld. Die Ohrmarken seien ja da gewesen, "nur noch nicht eingezogen". Im nächsten viertel Jahr hätte er das gemacht, sagt Berck. Doch erstmal musste er doch den Maisacker pflügen. "Ich bin doch alleine hier als Landwirt."

Das interessiert den Landkreis nicht. "Durch ihr hartnäckiges Verhalten haben Sie hinreichend deutlich gemacht, dass Sie nicht Willens und auch nicht in der Lage sind, den Anforderungen an einen Tierhalter gerecht zu werden."

Für den Landkreis, bestätigte Dezernent Hans Thiele, sei es das erste Mal, dass er einem Tierhalter in derartiger Größenordnung Tiere weggenommen hat.

Nächste Woche kommt der sozialpsychiatrische Dienst. Er soll in dieser Krisensituation helfen, hofft Annelies Berck.
 

Quelle: URL: http://www.volksstimme.de/vsm/nachrichten/lokalausgaben/gardelegen/?em_cnt=1714073


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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