Der Landkreis hat am Mittwoch und gestern etwa
90 Rinder und Schafe eines Bauern aus Hemstedt abtransportieren lassen. Dem
Bauern wirft der Landkreis massive Verstöße gegen das Tierschutzgesetz vor und
untersagte ihm das Halten von Tieren jeglicher Art. Der Landwirt weist die
Vorwürfe zurück und sieht nun seine Existenz vernichtet. Beim Einfangen der
Rinder wurde ein Jäger durch einen Bullen verletzt. Vier Tiere wurden
erschossen, eines eingeschläfert.
Hemstedt. Annelies Berck spricht von Enteignung. Schon wieder eine. 1948 sei
der Großvater ihres Mannes enteignet worden, 1961 noch mal im Zuge der
Zwangskollektivierung. Und nun dies: Alle Tiere weg, aufgeladen, erschossen.
"Wie Kriminelle haben die uns behandelt", erzählt Berck, die in Hemstedt seit
fast 20 Jahren die Gaststätte betreibt. Eine Frau, die mitten im Leben steht –
doch das, was in den vergangenen drei Tagen passiert ist, hat ihr die Fassung
geraubt.
Am Dienstag, zur Mittagszeit, standen auf einmal Polizisten auf dem Hof, den
ihr Mann Eckard betreibt, und fragten nach ihrem Mann. Was die Beamten dabei
hatten, war das Aus für den Tierhalter Eckard Berck: Der Landkreis ordnete an,
dass ihm künftig das Halten von Tieren jeglicher Art untersagt wird und dass
alle Tiere, die er halte oder betreue, "weggenommen und verwertet
beziehungsweise veräußert" würden. Der Grund wird in dem achtseitigen, vom
Landkreisdezernenten Erhard Prehm unterzeichneten Schreiben auch genannt:
wiederholte schwere Verstöße gegen das Tierschutzgesetz.
Eckard Berck wehrt sich, sagt, dann könne er sich ja gleich umbringen. Die
Beamten reagieren sofort, alarmieren den Amtsarzt, ziehen sofort die Waffen
des Jägers ein. Der Amtsarzt kommt und weist den Landwirt zur Unterbringung
ins Landeskrankenhaus Uchtspringe ein. Vorher darf er noch duschen – die
Polizei wartet im Flur. Seine Frau Annelies packt seine Sachen zusammen: "Die
Polizei war immer dabei. Als wenn wir Schwerverbrecher sind."
Ihr Mann ist weg, und Amtstierarzt Dr. Frieder Oßwald, so erinnert sich
Annelies Berck, stellt sie vor die Alternative, die Begleitpapiere für die
Rinder der Mutterkuhherden herauszugeben und so wenigstens noch Geld aus der
Schlachtung der Tiere zu erhalten – oder die Tiere würden auf ihre Kosten
getötet. Zusätzliches Problem: etliche Tiere haben keine Ohrmarke, die laut
EU-Recht zwingend vorgeschrieben ist. Die Gastwirtin erbittet zehn Minuten
Bedenkzeit, schreibt einen Widerspruch gegen den sofortigen Vollzug der
Maßnahme – doch der habe keine aufschiebende Wirkung, erklärt ihr der
Amtstierarzt. Annelies Berck gibt alle Papiere heraus und auch die Ohrmarken,
die im Haus liegen, aber noch nicht den Kühen in die Ohren gemacht worden
sind. Es ist nicht ihr Betrieb, um den es geht, es ist der ihres Mannes.
Mittwochmorgen, ihr Mann ist noch in Uchtspringe, berichtet ihr ein
befreundeter Landwirt, dass "die schon parat stehen auf der Weide". "Auf
unserem Grund und Boden", schimpft Annelies Berck. Sie fährt hin zur Weide
nach Lüffingen, wo etwa 50 Rinder ihres Mannes stehen. Der Amtstierarzt ist
da, Mitarbeiter des Veterinäramtes, die Polizei, das kreisliche Ordnungsamt.
30 Mann, schätzt ihr Mann Eckard, der am Mittwoch wenig später an der Weide
eintrifft. Und dort für Unruhe sorgt – zunächst bei den Rindern. Denn die
rennen in seine Richtung, erzählt er. Das Ergebnis sei ein Platzverweis
gewesen, "wegen Behinderung der Amtsausführung". "Ich wollte nach einer Färse
gucken, ob die schon gekalbt hat", sagt Eckard Berck. Nach dem Platzverweis
sei er nach Hause gefahren. Der Amtsarzt sei erneut vor Ort gewesen. Der
Landwirt: "Die haben mir gesagt, wenn ich noch mal eingreife, werde ich
verhaftet oder komme in die Psychiatrie." Annelies Berck ist entsetzt: "Das
ist unser Eigentum, und man kann nichts entscheiden." Sie schimpft auf "die da
oben", die die Großen laufen lassen würden, den Landwirten, die sich
abrackern, aber das Leben schwer machen.
Mittwoch um 14 Uhr ist die Straße in Hemstedt komplett gesperrt. Ein
Viehtransporter steht dort, Mitarbeiter der vom Landkreis beauftragten Firma
mühen sich, die zehn Bullen aus dem Stall aufzuladen, zudem noch die Schafe
("24 Muttertiere und zehn Lämmer"), die auf einem Acker am Hof weiden. Und
auch das Wildschwein, das Eckard Berck vor 15 Jahren als Frischling im Wald
gefunden hatte, wird mitgenommen. Ein kleinerer Bulle, sagt Eckard Berck, sei
im Stall "nicht gleich aufgestanden". Da habe er "die Spritze gekriegt".
Auch die vier Pferde der Familie sollen weg, ab zum Schlachten. "Da bin ich
laut geworden", sagt Annelies Berck. Mit Erfolg. Sie übernimmt die
Verantwortung für die Tiere. Sie dürfen bleiben.
Das Aufladen der Tiere bei Lüffingen gestaltet sich schwierig, ist auch
gestern morgen noch nicht abgeschlossen. Zwei Schüsse habe er gehört, erzählt
Eckhard Berck, und als er zur Weide gefahren sei, hätten zwei Bullen dort
gelegen – tot. Und außerdem noch zwei Kühe, eine davon eine, die erst vor drei
Wochen das erste Mal gekalbt hatte. Berck, dem schwerer Verstoß gegen das
Tierschutzgesetz vorgeworfen wird, ist empört: "Und das ist dann Tierschutz!"
Bei der Aktion sei ein Jäger, der die widerspenstigen Tiere erlegen sollte,
von einem Bullen verletzt worden, bestätigt gestern der Landkreis. Der
Notarztwagen sei vor Ort gewesen. Die Verletzung sei aber nicht
lebensgefährlich, so Dezernent Hans Thiele, der am Mittwoch zeitweise selbst
vor Ort war. Gestern werden auch die zehn Rinder von einer Weide zwischen
Algenstedt und Hemstedt abgeholt, darunter eine tragende Färse – auch dort
parkt ein Polizeiwagen neben dem Viehtransporter. Amtstierarzt Dr. Frieder
Oßwald ist vor Ort.
Der Abdecker, der die toten Tiere aufgeladen habe, habe ihm gesagt, er habe
"schon viel dünnere Tiere gesehen", erzählt Eckard Berck. Das klingt wie eine
Rechtfertigung und wie eine Anklage gegen den Landkreis, der ihm die Tiere
wegnimmt. Seine Frau sagt: "Die haben alle gut gefressen." Der Landwirt: "Die
waren total gesund." Und seine Frau ergänzt: "Da wird EU-Recht durchgesetzt
mit Brachialgewalt."
Das sieht der Landkreis, der sich gestern hinsichtlich der Aktion und seiner
Umsetzung äußerst bedeckt hielt, ganz anders. Ausführlich listet er in der
Anordnung, die der Familie Berck am Dienstag übergeben wurde, den Sachverhalt
auf. So überprüften Mitarbeiter des Veterinär- und
Lebensmittelüberwachungsamtes des Landkreises mehrfach den Hof und die Tiere
auf der Weide – und stellten bei Nachkontrollen so gut wie keine Veränderung
der kritisierten Zustände fest.
Die Kontrolle am 30. September 2009 ergab demnach: Die Rinder auf dem Hof
haben keinen Zugang zu Wasser und Futter, die Schweine befinden sich "in einem
völlig verdreckten Stall", Futter und Wasser steht ihnen nicht zur Verfügung,
zwei Schweine sind stark abgemagert, leiden zudem unter "hochgradigem
Räudemilbenbefall". Futter sei nicht vorhanden gewesen, Eckard Berck habe
angegeben, "erst welches besorgen zu müssen".
In einem "völlig mit Kot verdreckten Hundezwinger wurde ein Jagdhund
vorgefunden, der sich in einem schlechten Ernährungzustand befand und
ebenfalls weder Zugang zu Wasser oder Futter hatte".
Am 7. Oktober eine weitere Kontrolle des Veterinäramtes: Wieder kein
ausreichendes Wasser und Futter, Hundezwinger noch immer verschmutzt und zu
klein, Taubenschlag "völlig mit Kot verschmutzt", Schafe nicht geschoren, Hufe
der Pferde in schlechtem Pflegezustand.
Am 13. Oktober verfügte der Landkreis, dass sich die Zustände gründlich ändern
müssten. Fristsetzung: 6. November.
Am 1. Dezember die Nachkontrolle: Rinder im Stall ohne Wasser, der Stall
selbst "völlig dunkel und verdreckt". Für die Tiere habe es keinen trockenen
Liegeplatz gegeben. Schweine waren nicht mehr da, nur noch ein Wildschwein
"ohne Zugang zu Wasser und ohne trockenen Liegeplatz". 18 Schafe auf der Weide
waren geschoren, hatten aber keinen Zugang zu Wasser. 4 Schafe im Stall hatten
"verfilztes, schmutziges, bis auf den Boden hängendes Wollkleid", der Stall
selbst "völlig dunkel und verdreckt". Der Hundezwinger war in unverändertem
Zustand, der Taubenschlag konnte nicht kontrolliert werden, weil eine Leiter
fehlte.
Am 4. Februar eine erneute Nachkontrolle: Die Tiere hätten sich immer noch "in
demselben erbärmlichen Zustand" befunden. Der Ernährungszustand der etwa 40
Rinder auf der Weide sei schlecht. Die Wiese war seit Wochen zugeschneit, es
herrschte Dauerfrost. Das Amt: "Die Tiere hatten keinen Zugang zum Wasser, da
das Wasser im Trog eingefroren war und der Zugang zum Graben aufgrund der
Eisdecke nicht möglich war." Als Futter habe den Tieren lediglich ein
Rundballen Stroh zur Verfügung gestanden, "dessen Außenschicht gefroren war
und von dem nicht einmal das Netz entfernt worden war". Einen trockenen
Liegeplatz hatten die Rinder nicht, einen Witterungsschutz gab es nicht.
Eckard Berck versteht die Kritik nicht. Sicher, seine Ställe seien alt und
dunkel, und es gebe da kein fließendes Wasser. Dennoch: "Die haben keine
schlechte Versorgung gehabt." Es gebe zwar keine Selbsttränke, "aber die
kriegen solange Wasser, bis sie nicht mehr wollen". Der Landwirt: "Da kann
natürlich nicht immer Futter und Wasser da sein, wenn die Kontrolleure
kommen."
Offenbar würden einige nicht verstehen, dass es sich um Freilandherden
handele, die auch im Winter draußen bleiben könnten. Das Wildschwein habe
nicht schlecht ausgesehen, es sei mit 15 Jahren eben schon alt. Gegen Räude
habe er es mal geimpft, "aber das hat nichts geholfen". Und Schafe scheren vor
dem Winter sei doch wohl unsinnig. Sicher sei der Stall für seinen Hund zu
klein, aber so sei halt vor Jahrzehnten gebaut worden. Der Hund bekomme ja
auch Auslauf auf dem Hof. Zum Umbau fehle das Geld. Und dass mal ein Haufen im
Stall liege, sei doch normal.
Und auch ein Fangstand, der nötig sei, um die freilaufenden Rinder einzufangen
und gefahrlos mit Ohrmarken versehen zu können, koste Geld. Die Ohrmarken
seien ja da gewesen, "nur noch nicht eingezogen". Im nächsten viertel Jahr
hätte er das gemacht, sagt Berck. Doch erstmal musste er doch den Maisacker
pflügen. "Ich bin doch alleine hier als Landwirt."
Das interessiert den Landkreis nicht. "Durch ihr hartnäckiges Verhalten haben
Sie hinreichend deutlich gemacht, dass Sie nicht Willens und auch nicht in der
Lage sind, den Anforderungen an einen Tierhalter gerecht zu werden."
Für den Landkreis, bestätigte Dezernent Hans Thiele, sei es das erste Mal,
dass er einem Tierhalter in derartiger Größenordnung Tiere weggenommen hat.
Nächste Woche kommt der sozialpsychiatrische Dienst. Er soll in dieser
Krisensituation helfen, hofft Annelies Berck.



